Käseblatt-Interview: Siegmar Burdag (BFZ)

Exklusives Interview: Siegmar Burdag (BFZ) – Die neue Hauptschiedsperson im sozial kritischen Stadtteil, Fürstenwalde Nord.



Käseblatt: Herzlich willkommen und unseren Glückwunsch zu deiner neuen Herausforderung. Stell dich doch mal kurz vor: Wer bist du und wie bist du eigentlich Hauptschiedsperson geworden?

Siegmar: Danke für die Glückwünsche, endlich darf ich mit dabei sein. In den nachfolgenden Antworten findet sich mein Anspruch mit dabei sein zu dürfen. Seit meiner Jugend begleitet mich der Anspruch auch als Schiedsperson mitzuwirken. Mein Leben gehört der Familie und aktiv in sozialen Bereichen dabei zu sein. Aktiv bin ich in der Sozialen und Migrationsarbeit, Netzwerk Inklusion, Dialog Demokratie und Leben, FMI – Fachzentrum Migration Integration, Netzwerk GefAS e.V., Tafelarbeit und Unterstützungen, TERRE DES FEMMES Menschenrechte für die Frau e.V., Mitgestalter der Stadtweihnachtsfeier Fürstenwalde, berufener Bürger der Stadt Fürstenwalde, im Finanzausschuss und berufener Bürger im Kreistag LOS Sozialausschuss.
 
Käseblatt: Für viele hier klingt „Hauptschiedsperson“ noch immer nach Bürokratie und Formularen. Was macht dein Job eigentlich aus?


Siegmar: Durch Verständigungen und Ernüchterung der Beteiligten können oftmals, durch eine Befriedung und gegenseitiger Achtung, mit geringem Aufwand, vermeidbare Streitigkeiten und andere Beweggründe bereinigt werden. Bürokratie und Formulare lassen sich zur Zeit immer noch nicht vermeiden. Es ist Ehrenamtsarbeit die ich mit Stolz erfüllen werde. Allen gerecht zu werden – nicht immer wird es gelingen. Das Abwenden von Prozessführungen Beklagter im Zivilprozess und Angeklagter in einen Strafprozess ist Ziel der Schlichtung.
 
Käseblatt: In unserem Viertel geht es gerade ganz schön rund: nächtliche Randale, Müll, eingeworfene Scheiben. Was willst du als Hauptschiedsperson tun, um die Lage zu beruhigen?

Siegmar: Wenn die Beteiligten bekannt wären, was oftmals durch Gleichgültigkeit und Wegsehen ignoriert und erschwert wird, denn auch im Dunkeln erkennt man sie nicht, hätten wir vieles mehr erreicht. Die rechtlichen Rahmen – und gesetzlichen Bedingungen sind vielfältig, die Anwendungen sind mühsam und erdrückend, im Ausdruck der Geschehnisse, Aufarbeitungen des Erfassbaren und Strafmilderungen in unserem Rechtssystem. Eine Schiedsperson ist nicht Entscheidungsträger, nur Schlichter, man kann vermitteln im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten, wenn es die Beteiligten zulassen. Die Lage beruhigt sich im bestimmten Zeitfenster, mal kurz oder länger, die Statistik zeigt über Jahrzehnte, es sind immer undefinierbare Zeiträume, in denen eskalierende, negative Auffälligkeiten, Vandalismus und Eigennutz nicht nur in unserer Stadt ihren Ausdruck finden.

Käseblatt: Kita Kunterbunt und Sputnik melden immer wieder Ärger mit Vandalismus. Wie kannst du die Kitas unterstützen und den Kindern ein sichereres Umfeld schaffen?

Siegmar: In unserer Stadt finden die „nicht Sichtbaren“ ihren Reiz darin, gezielte und geplante Aktionen durch böse Zerstörungswut, Gereiztheit, hemmungsloser Aggression und Gleichgültigkeit Ausdruck zu verleihen. Wir können nur mit und in der Gemeinschaft Verbesserungen erreichen. Die Gemeinschaft spricht von Zivilcourage, sieht jedoch weg, der Weg der Auseinandersetzung und Konfrontationen wird erschwert durch übertriebenen Ehrgeiz und Anstandslosigkeit, betroffene Ohnmacht mancher Erziehungsberechtigter machen sie Gleichgültig im Handeln. Die Einsatz- und Rettungskräfte sind in ihren Einsätzen nicht immer zu spät, sei es bei der Tätererfassung und Feststellung vor Ort, bis zur Auswertung. Die Überlastung der Justiz ist bekannt. Kinder sind unser höchstes Gut, die mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu Schützen sind.
 
Käseblatt: Viele fühlen sich machtlos, weil niemand etwas sieht, wenn wieder etwas kaputtgeht. Wie willst du dieses Schweigen brechen und mehr Aufmerksamkeit schaffen?

Siegmar: Anhänglich zur vorherigen Frage, es eskalieren verschiedene Faktoren, der angeblichen Machtlosigkeit, Gleichgültigkeit und Betroffenheit, die nur gemeinsam erklärt und geklärt werden können. Viele Ehrenamtliche, Ämter, Streetworker, Behörden, die Bürgermeistersprechstunde u.a. erleben täglich, nichts tun zu können. Nicht zu dürfen, ist das wirklich so? Wir leben in einen demokratischen Rechtsstaat. Brauchen wir Hotspots der Überwachungen? Es verschiebt nur die Aufmerksamkeit und Unannehmlichkeiten an andere Orte. Einwohnerfragestunde in der Stadtverordnetenversammlung, andere Veranstaltungen, Foren, Elternveranstaltungen mit Bewertungen und Ergebnisse können weiterhelfen. Diffamierungen, Vorverurteilungen oder Verleugnungen sind hier nicht hilfreich. Die Frage: „Viele fühlen sich machtlos …“, warum werden öffentliche Aussprachen, Foren und Diskussionen nicht wahrgenommen und besucht, wenn sie denn angeboten werden. Wo sind Jene die Veränderungen berechtigt suchen und brauchen, um vermitteln und verstehen zu können? Und bitte nicht die Zeigefinger in Richtung multikulturelles soziales Umfeld schwenken, es sind immer die Anderen. Nach Feierabend wird die Tür zu gemacht. 
 
Käseblatt: Hier wird oft über Streetworker diskutiert: Angeblich unsichtbar, manchmal ohne Kontakt zu den Jugendlichen. Wie siehst du das – und willst du selbst mit den Kids ins Gespräch kommen?

Siegmar: Als Hauptschiedsperson frage ich mich, vorher kommt diese Fragestellung? Vielmehr kann man sich exklusiv bei den Streetworkern informieren, unter anderem zur eigenen Arbeit der Streetworker im Stadtparlament. Es gibt in Fürstenwalde eine feste Standortadresse: Wladislaw-Wolkow-Straße 38, Tel: 0150 50738173, eine Stadtseite und neuerdings die App „Munipolis“, die einfach für alle funktioniert, im Austausch zu den Fragen. Wenn es auch nicht zu meinen Aufgabenbereich gehört, stehe ich dennoch im Austausch, im Ehrenamt als Sozialarbeiter, in verschiedenen Netzwerken, mit Vereinen, unter anderen mit der Kinder- und Jugendbeauftragten der Stadt Fürstenwalde/Spree und den Beteiligten. Jeder darf sich mit einbringen, nicht nur im Stadtteil Nord, denn es gibt nicht nur hier herausfordernde Aufgaben.
 
Käseblatt: Bushaltestellen werden beklebt, Scheiben eingeschlagen – das Ordnungsamt reagiert oft spät. Kannst du da als Schiedsperson etwas bewegen?

Siegmar: Ein Beispiel – Letztes Wochenende wurde die Telefonzelle, in Süd, genutzt und umgestaltet als Schauvitrine, allseitig alle Scheiben zerstört. In der Telefonzelle wurde Wertvolles der Kinder und Jugendlichen, am Eingang zur Schau gestellt, wie erklären wir ihnen, das es um uns herum passieren kann? Was geht in den Köpfen der Täter vor, sich zu dem Vandalismus hinreißen zu lassen? Oft ist das Ordnungsamt gar nicht der Ansprechpartner und bei nicht Definierbarkeit eines Täters, Täterinnen und/oder Gruppe, wird das Verfahren wegen Geringfügigkeit oder Anderem eingestellt. Bei Täter-Ermittlung bis zum Gerichtsverfahren wird es langwierig und es erfolgen wiederholte Bewährungsstrafen bzw. Sozialstunden.(Überlastung der Gerichte u.a.)
 
Käseblatt: Viele Menschen wünschen sich mehr Angebote für Jugendliche. Hast du Ideen, wie man gemeinsam mit Verwaltung und Sozialarbeitern da etwas auf die Beine stellen könnte?

Siegmar: Es gibt bereits umfangreiche Angebote die genutzt werden können, die Stadtseite, Jusef, Lebenshilfe e.V., Jugendclub, Parkclub, NEU: die App „Monopolis“, Kulturfabrik, Musikschule, Caritas Ehrenamt und andere regionale und überregionale Foren. Ist es eine Frage der Kosten, es können Fördermittel und andere Anträge gestellt werden. 
 
Käseblatt: Manche sagen: „Die Jugendlichen hängen nur rum, weil es nichts gibt, was sie sonst tun könnten.“ Wie kann man ihnen Alternativen bieten, ohne gleich alles zu überwachen?

Siegmar: Die das sagen sollten sich damit auseinandersetzen wie ihre Zeit als Jugendlicher gestaltet war, was sie dagegen getan haben und die Zeit nutzten, gemeinsam Neues zu verstehen und umzusetzen, mitgestalten und planen mit den selbstgemachten Erfahrungen. 



Käseblatt: Die Kita Sputnik hat schon viele Schäden erlebt, auch mit gestohlenen Paketen und Müll. Hast du Ideen, wie man dort mehr Sicherheit und ein gutes Miteinander schaffen könnte?

Siegmar: Die Problematik ist von den Verantwortlichen im Interesse der Kinder sicherlich mehrfach besprochen worden, mit Zielstellung zur Abänderung und Sicherung weiterer Unannehmlichkeiten. Einzelne Ansatzpunkte sind mir nicht bekannt und einige Themen der im Verantwortungsbereich befindlichen Ansprechpartner und unter Einbeziehung der Eltern sicherlich umsetzbar. In der Schaffung von einem sicheren Verwahrungsort für Pakete und Müll kann man doch nicht so weit weg sein.
 
Käseblatt. Wie stehst du zu Videoüberwachung an problematischen Orten? Gute Idee oder lieber auf Gespräche und Vertrauen setzen?

Siegmar: Ein Für und Wider-Beispiel aus diesem Jahresanfang, im Bereich Bahnhof, Abstellplätze Fahrräder. Es fährt ein 3,5 Tonnen offener Pritschen Wagen, mit polnischen Kennzeichen vor, es werden viele Fahrräder mit Gewalt entsperrt und verladen, Passanten bekommen auf ihre Fragen als Antwort, wir müssen in unsere Heimat nach Polen zurück und brauchen Geld. Hätte das bei einer Kameraüberwachung nicht auch geschehen können? Denn die Auswertung erfolgt zu einen späteren Zeitpunkt, es sei denn, man ist mit der Polizei direkt gekoppelt. Was wiederum Geld kostet und wer zahlt das. Nun, niemand scherte sich darum, polizeiliche Mittel anzufordern oder doch, was geschieht nun und das ist kein Einzelfall. Videoüberwachung für wen? Mit welchen Nutzten? Das neue Fahrradabstellhaus bis 2028, der Stadt Fürstenwalde, bekommt eine oder keine Videoüberwachung, die gewählten Volksvertreter entscheiden oder Bürgerbegehren. Was sind problematische Orte und Straßen? In denen abends Unsicherheiten herrschen? Es gibt Bürgerfragestunden, im Stadtparlament werden diese genutzt und warum nicht, der Bürger kann und darf mitentscheiden.
 
Käseblatt: Im Viertel leben viele Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen. Wie willst du sicherstellen, dass niemand benachteiligt wird – und dass das Zusammenleben funktioniert?

Siegmar: Vereine, Gesellschaften, Institutionen, die Stadt Fürstenwalde, der LOS und Familien, Schulen und Kindergärten u.a. sind am umsetzen einer multikulturellen und integrierten Gesellschaft, die ihren Ausdruck in vielen Miteinander findet. Die Menschen der Stadt Fürstenwalde sind eine offen demokratische multikulturelle Gesellschaft.
 
Käseblatt: Polizei und Verwaltung wirken manchmal weit weg von den Sorgen der Leute. Wie willst du dafür sorgen, dass du für alle da bist?

Siegmar: Es geht nur in der Gemeinschaft wie bereits in den vorhergehende Fragen anteilig beantwortet. Jeder kann und muss sich mit einbringen.
 
Käseblatt: Viele fragen sich, wie Jugendliche besser in die Stadtgemeinschaft integriert werden können. Wie können sie sich mehr einbringen – und wie kannst du das fördern?

Siegmar: Elternhäuser, verwurzelt mit den Familienangehörigen, Nachbarn, Vorbilder und Entscheidungsträger, sind Grundlagen in unserer kommunikativen, komplexen, entscheidungstragenden Welt, selbst zu bestimmen wie man sich mit Vernunft, Anschauung und demokratisch sozialen Verhalten, positionieren kann und sollte, nicht nur in der Stadtgemeinschaft. 
 
Käseblatt: Zum Schluss die große Frage: Warum glaubst du, dass du für diese Aufgabe genau die oder der Richtige bist? 

Siegmar: Soziale, integrative, menschenwürdige Gemeinsamkeit UND Achtung vor dem Leben, jedes Einzelne, egal welcher Rasse, Hautfarbe oder Religion und unterschiedlichen Bewusstsein, lassen mich an ein friedliches, niveauvolles und soziales Miteinander glauben. „Die Würde des Menschen ist unantastbar …“, der erste Paragraph unseres Grundgesetzes, begleitet mich seit meiner Kindheit, irgendwann zum ersten Mal gehört, bei meinen Opa, über einen verbotenen Radiosender. Ehrenamt kann jeder, das ist eine der größten Stützen unserer Stadtgemeinschaft Fürstenwalde/Spree.
 
Siegmar Burdag

  • Anmerkung aus der Redaktion Käseblatt:

Mensch Siegmar, danke, dass du uns mit deinem Herzblut in jede Formularecke geführt hast. Ohne deinen unermüdlichen Einsatz und deiner Aufklärung, wäre dieser Stadtteil, in den Köpfen so mancher Mitmenschen, nur ein ein Stadtteil mit wilden Gerüchten.

DU hast uns gezeigt, wie viel Power in Nachbarschaftsgeist steckt – und dass wir manchmal einfach nur aufeinander zugehen müssen, statt in unseren Ecken zu hocken und meckern – über Andere. Wir freuen uns darauf, gemeinsam mit dir die Ärmel hochzukrempeln, ein paar Bürgerfragestunden zu sprengen und ganz nebenbei ein Stück Fürstenwalde Nord zu einem angenehmen Viertel der Spree zu machen.

Danke, Siegmar – du rockst das ganz ohne Chefsessel und Zwangsjacke!