#Geschichte – #Fürstenwalde war kein Randgeschehen, sondern spielte unter anderem auch eine zentrale Rolle im Aufstand vom 17. Juni 1953. In der Nachkriegs- und frühen DDR-Zeit war Fürstenwalde von Zwangskollektivierungen, Wohnungsnot und Normenerhöhungen geprägt. Tausende Arbeiter aus Betrieben wie der Bauunion-Spree, dem DEKA-Reifenwerk und der Marienhütte streikten gegen Normenerhöhungen und forderten freie Wahlen sowie bessere Lebensbedingungen. Sowjetische Panzer und DDR-Polizei brachen den Aufstand gewaltsam nieder, mindestens ein Demonstrant in Fürstenwalde starb an seinen Verletzungen, hunderte wurden verhaftet. Im März 1954 verlas Generalstaatsanwalt Ernst Melsheimer drakonische Urteile gegen 1.526 Angeklagte, darunter Todes- und Zuchthausstrafen. Bis heute existiert in Fürstenwalde kein sichtbares Denkmal für die Opfer und Verurteilten – ein Defizit der Erinnerungskultur.
1. Historischer Hintergrund
Nach Gründung der DDR verschärften Enteignungen und Zwangskollektivierungen den Alltag. Im Mai 1953 verfügte die SED eine 10 %ige Erhöhung der Arbeitsnormen, was faktisch einer Lohnkürzung gleichkam und heftigen Unmut auslöste [1].
2. Auslöser und Beginn (auch) in Fürstenwalde
Am Morgen des 17. Juni versammelten sich gut 200 Bauarbeiter der Bauunion-Spree, um gegen Normenerhöhungen zu protestieren. Christine Küster, Sekretärin im Betrieb, protokollierte deren Forderungen nach Senkung der Arbeitsnormen, Preissenkungen und freien Wahlen [2]. Anschließend zogen sie zum Reifenwerk DEKA, wo sich 4.000 Beschäftigte anschlossen und gemeinsam ins Stadtzentrum marschierten [3]. Bald formierte sich ein Demonstrationszug mit über 5.000 Teilnehmenden, darunter auch Mitarbeiter der Marienhütte, die vor dem „Rat des Kreises“ und der Stadtverwaltung lautstark ihre Forderungen vortrugen [4].
Auszug [11] aus der „Gesamtanalyse der Staatssicherheit“ (Mit Stempel: „Geheime Verschlusssache“):
Dieser Streikbewegung schlossen sich an:
Gußstahl FW – ca. 500 Personen
Gaselan FW – ca. 1.100 Personen
Zement-Phosphatwerke FW – ca. 3.000 Personen
VEB-Textil FW – ca. 350 Personen
Marienhütte – ca. 200 Personen
Kreisbaubetrieb – ca. 75 Personen
Gegen 14.00 Uhr folgten dann noch ca. 2.600 Personen aus dem DEKA – Reifenwerk. (Zu bemerken ist, dass alle Betriebe nicht restlos entblößt waren und in den wichtigsten Abteilungen gearbeitet wurde.)
3. Eskalation und Niederschlagung
Bis zum Nachmittag verhängten sowjetische Truppen und DDR-Polizei den Ausnahmezustand. Panzer der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte riegelten die Straßen ab und gingen mit Bajonett und Gewehr gegen die Menge vor [5]. In Fürstenwalde erlag mindestens ein Demonstrant seinen schweren Verletzungen im Krankenhaus, zahlreiche weitere wurden verhaftet und misshandelt [6].
4. Juristische Repression: Melsheimer-Report
Am 5. März 1954 legte Generalstaatsanwalt Ernst Melsheimer seinen Bericht zur „Aburteilung der Provokateure“ vor. Bis Ende Januar 1954 wurden 1.526 Angeklagte verurteilt [7]:
2 Todesurteile (Erna Dorn, Ernst Jennrich)
3 lebenslängliche Zuchthausstrafen
13 Zuchthausstrafen von 10–15 Jahren
99 Zuchthausstrafen von 5–10 Jahren
824 Haftstrafen von 1–5 Jahren
546 Haftstrafen bis 1 Jahr
Nur 39 Freisprüche
Spätere Forschungen gehen von insgesamt 15.000 Verurteilten im Zusammenhang mit dem Aufstand aus [8].
5. Kurz- und langfristige Folgen
Die Verhaftungen trafen Familien hart: Betroffene verloren Arbeit, Wohnung und soziale Sicherheiten, Stasi-Schikanen und Berufsverbote schufen ein Klima aus Angst und Misstrauen, das in Fürstenwalde bis weit in die 1980er Jahre nachhallte [9].
6. Erinnerungskultur und Defizite
Während in Berlin und anderen Städten Mahnmale errichtet wurden, fehlt Fürstenwalde bis heute ein sichtbarer Gedenkort für die Opfer und Verurteilten des 17. Juni 1953 [10]. Ein Denkmal auf dem Marktplatz oder nahe dem Rathaus könnte lokale Zeitzeug*innen würdigen und künftige Generationen mahnen, Freiheit und Demokratie zu verteidigen.
Zeitzeugenbericht Christine Küster [2].
„Da kamen uns plötzlich Russen um die Ecke entgegen, mit Gewehr im Anschlag und Bajonett. Und dahinter kamen Panzer um die Ecke.“
– Christine Küster, damals junge Sekretärin der Bauunion-Spree in Fürstenwalde
Sie verweigerte später die Zusammenarbeit mit der Stasi, hielt Namen geheim und erlebte selbst, wie die Androhung politischer Verfolgung sie und ihre Kollegen verunsicherte.
In der BRD bzw. im Westteil von Berlin wurde eine Straße in „Straße des 17. Juni“ umbenannt [12]. Die Bezeichnung trägt die Straße seit dem Beschluss des Berliner Senats vom 22. Juni 1953 in Erinnerung an den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 – dessen Datum bis 1990 Nationalfeiertag in der Bundesrepublik Deutschland war.
Fürstenwalde war 1953 tief getroffen – durch Massenproteste, Polizeigewalt, Ungerechtigkeit und Justizterror. Die Repression wirkte weit in die Familien hinein. Die Urteile von 1954 zeigen, wie bürokratisch und staatlich gelenkt die Strafverfolgung verlief. Erst spät wurde überhaupt einsichtig, wie viele Menschen systematisch entrechtet wurden. Die Stadt braucht keine Panzer mehr, sondern Zeichen – für Demokratie, Freiheit und zur Warnung vor politische und soziale Nachwirkung – Angst, Unterdrückung, Schweigen – prägte Generationen. Ohne sichtbares Denkmal bleibt das historische Leid ungelöst – ein Kapitel, das Raum und Anerkennung braucht.
Ist ein Denkmal in Fürstenwalde vorstellbar und nötig?
Quellen:
1. “Der Aufstand des 17. Juni 1953 – Der Weg in die Krise.” Bundeszentrale für politische Bildung, 2013. https://www.bpb.de/themen/deutsche-teilung/der-aufstand-des-17-juni-1953/ bpb.de
2. Christine Küster: Zeitzeugin. “Sekretärin protokolliert Streikversammlung – Panzer um die Ecke.” Inforadio rbb24. https://www.inforadio.de/dossier/archiv-vor-2014/Dossier-Archiv/17__juni_1953__zeitzeugen/zeitzeuging_christine.html inforadio.de
3. “Marienhütte in Fürstenwalde.” Wikipedia (de). https://de.wikipedia.org/wiki/Marienh%C3%BCtte_in_F%C3%BCrstenwalde de.wikipedia.org
4. “Aufstand vom 17. Juni 1953.” Wikipedia (de). Abschnitt “Verlauf”, Unterabschnitt “17. Juni im Land”. https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_vom_17._Juni_1953 de.wikipedia.org
5. “Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland.” Wikipedia (de). https://de.wikipedia.org/wiki/Gruppe_der_Sowjetischen_Streitkr%C3%A4fte_in_Deutschland de.wikipedia.org
6. “Der Volksaufstand im Überblick.” lpb-bw.de. https://www.lpb-bw.de/17-juni lpb-bw.de
7. “Aufstand vom 17. Juni 1953.” Wikipedia (de). Abschnitt “Tote und Urteile”. https://de.wikipedia.org/wiki/Aufstand_vom_17._Juni_1953 de.wikipedia.org
8. “17. Juni 1953 und Herbst ’89.” Bundesstiftung Aufarbeitung. https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/vermitteln/bildung/bildungskatalog/17-juni-1953-und-herbst-89 bundesstiftung-aufarbeitung.de
9. “Der 17. Juni 1953 im Überblick.” Bundeszentrale für politische Bildung. https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/521815/der-17-juni-1953-im-ueberblick/ bpb.de
10. “Gedenkstätte 17. Juni 1953.” Wikipedia (de). https://de.wikipedia.org/wiki/Gedenkst%C3%A4tte_17._Juni_1953
11. „Gesamtanalyse des Aufstandes vom 17. Juni 1953 im ehemaligen Bezirk Frankfurt/Oder“ https://www.stasi-mediathek.de/medien/gesamtanalyse-des-aufstandes-vom-17-juni-1953-im-ehemaligen-bezirk-frankfurtoder/
12. „Straße des 17. Juni“ Wikipedia (de). https://de.wikipedia.org/wiki/Stra%C3%9Fe_des_17._Juni
